Dementia

Weder habe ich eine diagnostizierte Vergessenskrankheit, noch möchte ich mich darüber lustig machen und schon gar nicht kann ich wissenschaftlich fundiert darüber auch nur ein Wort sagen. Vielleicht ist es auch der falsche Begriff, vielleicht meine ich etwas anderes, wenn ich das Foto anschaue. Ich möchte nicht, dass dieser Eintrag falsch verstanden wird und man denkt, ich wüde mich selbst loben oder so etwas. Denn besonders gut finde ich das Foto nicht. Es erzählt für mich jedoch eine Geschichte und transportiert eine Stimmung. Vielleicht tut es das eben nur für mich.

Wenn ich das Bild ansehe, dann spielt ein kleiner Film in meinem Kopf. Ich sehe, wie der scharfe Bereich immer weniger wird und der Hintergrund immer mehr verschwimmt und heller wird. Deshalb verbinde ich damit irgendwie “Vergessen” oder “Verlust”. Zugleich erinnert es mich an die Nahtotbeschreibungen, die man im Internet, sowie in Büchern lesen kann. Aber das kann ich nicht überprüfen – und irgendwie fühle ich dazu auch nicht das Bedürfnis.

Dann muss ich daran denken, dass ich oft derart in Tagträumen oder Gedanken versinke, dass ich meine Umgebung wirklich nicht mehr aktiv wahrnehme. Da ich dabei nicht selten über 3-spurige Straßen gehe, muss ich annehmen, dass ich mich schon um meine Position im Raum kümmere. Das passiert freilich nur bei den Wegstücken, die ich wirklich schon auswendig kenne. Und natürlich in der U-Bahn – wer möchte schon genau mitbekommen, dass er in die falsche Richtung fährt oder an der gewünschten Station vorbei gefahren ist ? Als Kind hatte ich das beim Gehen öfters und da waren es lebhafte, bildliche Tagräume. Es ist nur seltsam, wenn man über die Straße geht und einem genau das Erinnerungsstück fehlt, wo man sich auf der Straße befindet. Denn sobald man auf der anderen Seite ist, fragt man sich, wie man dort hin gekommen ist und wieso der Typ, der gerade noch hinter einem hergegangen ist, nicht auch über die Straße gegangen ist. Aber er wird sie einfach nicht kennen und sich nicht trauen.

Dieser Beitrag wurde am 12.02.2010, um 10:31 Uhr veröffentlicht.
Kategorie: Anderes × Stichworte: ,

5 Kommentare (4 Besucherkommentare) auf “Dementia”

  1. Paleica sagt:

    ich denke, du solltest dich nicht für deine überschriften und titel entschuldigen. es ist dein blog, hier darfst du (fast ^^) alles schreiben, was und wie es dir in den sinn kommt.

    für mich symbolisiert das bild auch irgendwie was ähnliches. es hat etwas steriles, altersheim’charme’ nenne ich es mal. als würde man hinunter blicken, in eine nahe und doch so unsichere zukunft. ich mag das bild sehr.auch wenn es mich irgendwie sehr traurig stimmt.

  2. Äwe sagt:

    Schöne Interpretation wenn es um die Tagträume geht. Dennoch finde ich das Thema Dementia erschreckend hart, denn wer will schon Defizite in seiner Hirnfunktion haben? Gerade das Erinnerungsvermögen ist so furchtbar wichtig für mich.

    Irgendwie strahlt das Bild für mich eine Art Jahreswechsel für mich aus. Das schwarfe derzeitige ist dunkel und mit feinster Struktur geprägt… das weit entfernte wird immer heller verwischter und hoffnungsvoller. Zur Lebenshilfe dient dann noch das Geländer. Ob man sie nutzen möchte oder nicht, ist frei wählbar.(Deshalb das verschwimmte.)

    Ich versinke auch oft in Tagträumen. Ich liebe sie und versuche mich nicht zu fest an ihnen zu klammern… aber dennoch gibt es immer wieder Momente in denen ich mich dabei erwische bestimmte Situationen erträglicher zu ‘träumen’.

  3. Durloth sagt:

    Diese “Realitäts-Blackouts” kenne ich sehr gut. Und die Fotografie erweckt bei mir auch genau dieses Gefühl. Wenn der Fokus auf etwas liegt, das sich abseits des eigentlichen Weges befindet und alles andere unscharf wird und dagegen verblasst. Wenn man sich plötzlich bewusst wird, dass man gerade vergessen hat, sich auf etwas zu konzentrieren, das eigentlich wichtig sein sollte. Wenn man begreift, dass man gerade nicht in der gleichen Welt unterwegs war wie der eigene Körper. Es ist so ein seltsames “Rücksturz zur Erde”-Gefühl, das einen in diesen Momenten einholt. Weil es einem bewusst macht, dass der Körper trotzdem funktioniert und auf sich aufpasst, wenn wir die Zügel gefährlich lange schleifen lassen. Und irgendwie kommt man sich dann fremd vor. Als würde nicht nur die Erinnerung an die letzten fünf Sekunden, sondern ein ganzer Teil des eigenen Selbst fehlen. Der da ist, obwohl man nicht weiß, wo man ihn suchen oder finden soll. Der trotzdem da ist.

    Beängstigend. Und faszinierend. Sehr schöne Interpretation, sowohl in Bild als auch in Worten.

    Liebe Grüße,
    Durloth

  4. [...] fesselt sie mich. Weiche Übergänge, Bokeh, Liebe zu den verschwundenen Details. Mein Bild Dementia spielt auch damit. Ich finde, dass Unschärfe auf eine subtile und fragile Art [...]


Hinterlasse einen Kommentar

:-) :nod: ;-) 8-) :-P :g: :^^: :wow: :sad: :annoyed: :roll: :uhm: :dead: :angry: :-/ :-S :-O :blush: :-x :jummi: :cry: :emo: :love: :heart: :sonne: :rain: :blatt: